Bilder von Tod, Zerstörung und kleinen Fluchten

„… schwanken zwischen Heimweh und der ständigen Sorge davor,
wieder zurück zu müssen“

Um die 800.000 Syrerinnen und Syrer leben in Deutschland, davon kamen gut 25.000 nach Schleswig-Holstein. Ein Großteil von Ihnen kam als vor politischer Verfolgung und Krieg in ihrer Heimat Geflüchtete. Die meisten vermissen Angehörige, die in der Heimat geblieben und den dort bestehenden Lebensrisiken anheimgestellt sind. Viele haben kein dauerhaftes Bleiberecht und schwanken zwischen Heimweh und der ständigen Sorge davor, wieder zurück zu müssen.

Die Beschlüsse der Innenministerkonferenz vom Dezember 2020 streuen Salz in diese Wunde. Der bis dahin geltende Syrien-Abschiebungsstopp ist inzwischen aufgehoben. Aber nach wie vor besteht für viele der syrischen Flüchtlinge kein Grund zur Panik. Allerdings kann das Thema Ausreisepflicht in die ruinierte Heimat für Geflüchtete mit nicht gefestigtem Aufenthalt und solche, denen vom Asyl-Regime nur eine Duldung zugestanden worden ist, konkret werden, wenn nicht zeitnah eine Beratungsstelle aufgesucht wird.

Wer sich – offenbar anders als Innenminister*innen das tun – mit der aktuellen Überlebensrisiken in Syrien beschäftigt, kann über das ordnungspolitische Ansinnen der Rückkehr dorthin nur den Kopf schütteln. Mehr noch:

Eine – zumal zwangsweise – Rückführung von hierzulande schutzsuchenden Syrerinnen und Syrern ist verantwortungslos und bleibt auf Dauer abzulehnen.

Wer sich über die Bilder dieser Ausstellung hinaus einen Eindruck verschaffen möchte, welche Situationen und Risiken in Syrien auch über Idlib hinaus fortbestehen und was hierzulande lebende Syrer*innen in Erinnerung an Heimat und Flucht berichten, wie sie hier leben, sich engagieren und eine Zukunft aufbauen, kann dies in der Ausgabe Nr. 98 unseres Magazins „Der Schlepper“ nachlesen.

 

Vorstand und Team des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein e. V.

Der Schlepper Nr. 98 Sommer 2020 Bilder und Berichte: Schwerpunkt Syrien

 

„Sie verhalten sich, als sei das Heute
lediglich ein vielversprechender Anfang.“

„Die überwältigende Mehrheit in jedwedem Konflikt sind und bleiben Zivilist*innen. Was Idlib betrifft, die letzte von Rebellen gehaltene Provinz Syriens, beziffern die Vereinten Nationen den Anteil von Zivilist*innen auf ‚über 99 Prozent‘. Und doch sind es fast ausschließlich die bewaffneten Gruppen, die die Schlagzeilen dominieren. Das hat zu einer internationalen Wahrnehmung geführt, dass es in Syrien keine wirklich ‚Guten‘ mehr gäbe.

Der Fotojournalist Tim Alsiofi war 18, als die syrische Revolution begann. Das syrische Regime hat diese nie als Aufstand derjenigen akzeptiert, die von politischer Teilhabe ausgeschlossen waren, sondern es lediglich als Herausforderung begriffen, die es mit militärischen Mitteln bis aufs Blut bekämpfte. Die Bedrohung, die das Regime für Aktivist*innen und Journalist*innen darstellte, fand bald ein Pendant in der Bedrohung durch extremistische Gruppen in der Opposition. Beide stimmen darin überein, dass Bürgerinnen und Bürger mit Waffengewalt und Folter in die Unterwerfung gezwungen werden sollen, um jeglichen zivilen Aktivismus zu ersticken.

Tim hat in seiner Heimatstadt in der jahrelang belagerten Ghuta die ersten Jahre seines Erwachsenenlebens damit verbracht, Tod und Zerstörung zu dokumentieren, bevor er 2018 in einen der ‚grünen Busse‘ stieg und nach Idlib deportiert wurde.

Nach seiner Ankunft dort baten wir ihn, für uns zu dokumentieren, wie das Leben in Idlib aussieht. Wir wussten nicht, was uns erwartete, doch schon die ersten 153 Bilder, die Tim schickte, waren atemberaubend. 

Je tiefer wir in Tims Geschichten eintauchten, in denen sich unbändige Freude und Trauer über Verlorenes trafen, in denen im Keim erstickte Hoffnungen sich wieder Bahn brachen, desto mehr gelangten wir zu der Überzeugung, dass die Bilder nicht nur als Eindrücke geteilt werden sollten, sondern die hinter ihnen stehenden Geschichten erzählt werden müssten. 

Tim Alsiofi und der syrische Schriftsteller und Rapper Hani Al Sawah fanden gemeinsam eine persönliche Form, das Ganze zu erzählen. Dieses gemeinsame Werk der beiden ist ein Zeugnis dessen, wie in Idlib Zivilist*innen tun, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: leben. Kaufen und verkaufen. Ins Wasser springen. Angeln. Grillen. Hochzeiten und hohe Feste begehen. Oder für Kinder: zur Schule gehen – oder einfach spielen.

Das syrische Regime besteht darauf, es werde „jeden Zentimeter Syriens“ zurückerobern. Ob ihm das gelingen wird, sei dahingestellt. Doch auch Modelle wie „die Situation einfrieren“ sind für diejenigen, die sich in Idlib befinden, nicht realistisch. Internationale Hilfen fließen in immer geringerem Maße, und das verschärft das Leiden der Zivilbevölkerung, insbesondere, da Idlib über die eigentliche Bevölkerung hinaus in den letzten Jahren mehr als eine Million Binnenflüchtlinge aufgenommen hat. Die Frage, wie hier geholfen werden kann, bleibt daher unverändert wichtig.

All die Männer, Frauen und Kinder, die in diesem Band porträtiert sind, leben ihr Leben nicht, als gäbe es kein Morgen. Ganz im Gegenteil: Sie verhalten sich, als sei das Heute lediglich ein vielversprechender Anfang. Ihre Widerstandskraft und ihren Lebensmut kann man nur bewundern.

Diese Ausstellung ist all den Frauen und Männern gewidmet, die die vernichtende Frage des „mit uns oder gegen uns“ etwas entgegensetzen, in dem sie an eine bessere Zukunft glauben und daran arbeiten. Es soll daran erinnern, dass das Leben stärker als der Tod ist.“

Heinrich Böll Stiftung – Dr. Bente Scheller, Nadine Elali und Roua Arakji 

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