Wörtlich heißt es in dem Erlass, dass „die bislang bestehenden Einschränkungen bei der Vorführung afghanischer Staatsangehöriger zur Identifizierung – Straftäter und Gefährder – aufgehoben“ seien, so die Bundespolizei. Die Vorführung vor Taliban-Vertretern in Deutschland (!), wird von diesen als Voraussetzung für die Identifizierung und damit für eine Abschiebung verlangt. Mit der neuen Meldung können nun alle geduldeten Afghanen nach Afghanistan abgeschoben werden.[2]
Die jetzt ermöglichten Abschiebungen von ausreisepflichtigen afghanischen Männern nach Afghanistan zeigt einmal mehr die Schamlosigkeit der deutschen Regierung und führen zu großer Verunsicherung in den afghanischen Communities, unabhängig von deren Aufenthaltsstatus.
„Seit der Ankündigung weiterer Abschiebungen nach Afghanistan, wurden in mehreren WhatsApp-Gruppen bereits hunderte Nachrichten geteilt, in den Menschen ihre Ängste, Albträume und Sorgen schildern. Viele fühlen sich verunsichert, enttäuscht und verraten. Diese Abschiebungen und die Bruderschaft mit den Taliban erfolgen auf Kosten von Leib und Leben von unschuldigen Afghan*innen. Das ist keine Politik, das ist Menschenverrat,“ so Lava Mohammadi, Sprecherin des Afghanischen Stammtischs Schleswig-Holstein.
Es zeigt sich mal mehr: Abschiebungen an gesellschaftlich marginalisierten Gruppen werden trotz großer menschenrechtlicher Bedenken und katastrophalen Bedingungen vor Ort vorangetrieben. Das verschiebt die Grenze des Denk- & Sagbaren und ermöglicht die Ausweitung von Abschiebungen auf weitere Gruppen und kann am Ende alle treffen. Damit wird die afghanische Community gezielt verunsichert – der Verlust von Sicherheit und Vertrauen betrifft auch diejenigen, die nicht konkret von Abschiebungen bedroht sind, sondern eine sichere Bleibeperspektive haben.
Von verschiedenen politischen Akteuren werden geduldete Afghan*innen derzeit gezielt als kriminell geframet. So werden in Debatten Geduldete (= formal Ausreisepflichtige) mit Gefährdern und Straftätern verglichen und in einen Topf geworfen. Besonders schamlos geht hier einmal mehr Innenminister Alexander Dobrindt vor, der jüngst erst wieder Abschiebungen nach Afghanistan mit der Gewalttat eines psychisch kranken Afghanen in Trier verknüpfte.
Dabei wird schnell vergessen: die absolute Mehrheit der Afghan*innen in Deutschland hat einen Schutzstatus inne und sind vor den Kriegen in Afghanistan und der Gewalt der Taliban und anderer bewaffneter Gruppen geflohen. Von den ca. 450.000 Afghan*innen in Deutschland, sind lediglich ca. 11.500 formal ausreisepflichtig (ca. 2.5 %), davon haben ca. 10.000 Menschen eine Duldung.[3] Die Zahl geduldeter Afghan*innen wird jedoch nicht so niedrig bleiben. Die Schutzquote für alleinstehende Männer aus Afghanistan zwischen 18 und 40 Jahren hat sich drastisch verschlechtert – trotz der dramatischen Sicherheits- & Ernährungssituation in Afghanistan und liegt für die ersten 4 Monate in 2026 nur noch bei 11,4 %.[4]
Die Ablehnungspraxis gegenüber afghanischen Männern verkennt dabei, dass Afghanistan für Frauen zwar die Hölle ist, aber auch für Männer keinen sicheren Aufenthaltsort bietet. Sie müssen sich strengen Kleidervorschriften unterwerfen, werden durch die patriarchalen Strukturen in fragwürdige Rollen gedrängt und leben in einem Umfeld, dass ihren Töchtern, Freund*innen und Frauen jegliche Rechte entzieht. Menschrechtsaktivist*innen, unliebsame Politiker*innen und andere Andersdenkende werden inhaftiert, gefoltert oder außergerichtlich hingerichtet. Hinzu kommt die Diskriminierung von religiösen sowie ethnischen Minderheiten wie Ismailit*innen, Hazara, Tadschik*innen und Bayat. Die massive Armut und die schlechte wirtschaftliche Lage machen ein Leben in Würde unmöglich. [5]
„Dass Abschiebungen nach Afghanistan ein No-Go sind, kann jede*r erkennen, der sich nur kurze Zeit mit der Situation vor Ort beschäftigt. Es ist unfassbar, dass die deutsche Bundesregierung diese Umstände verkennt und damit jegliche menschenrechtliche und demokratiefördernde Verantwortung verhöhnt“, zeigte sich Leonie Melk, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein empört.
Wir fordern:
- Keine Abschiebungen nach Afghanistan – Menschenrechte müssen für alle gelten!
- Keine Zusammenarbeit mit den radikal-islamistischen Taliban.
- Ein Ende der Massenablehnungen von Asylverfahren für alleinstehende Afghanen – Die drastische Menschenrechtssituation in Afghanistan muss sich in der Schutzquote widerspiegeln.
- Sichere Bleibeperspektiven statt Angst und Verrat für die afghanische Diaspora in Deutschland
Pressekontakt & Interviewanfragen:
Lava Mohammadi, Afghanischer Stammtisch, afg.stammtisch@mail.de
Leonie Melk, Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V., 0431 556 853 64, public@frsh.de
[1]https://fr-hessen.de/wp-content/uploads/2026/07/2026-07-10_Erlass-Meldungen-AFG.pdf
[2] Im ersten Halbjahr 2026 wurden insgesamt 87 Personen nach Afghanistan abgeschoben. (https://dserver.bundestag.de/btd/21/068/2106802.pdf)
[3]https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-07/bundesamtes-fuer-migration-und-fluechtlinge-afghanische-staatsbuerger-deutschland
[4]https://dserver.bundestag.de/btd/21/062/2106244.pdf, S13.
