Familie Babayiğit lebt bereits seit drei Jahren in Halstenbek. Die Tochter Gamzenur arbeitet schon eine Weile bei einem Pflegedienst in Hamburg. Ihre 18-Jährige Schwester Elif geht aktuell zur Berufsschule und will später Krankenschwester werden –Tocher Rabia besucht die 7. Klasse des Gymnasiums, die kleineren Geschwister gehen noch zur Grundschule und in den Kindergarten, außerdem sind sie im Halstenbeker Fußballverein aktiv. Kurzum, die Familie Babayiğit ist gut angekommen in Halstenbek und bringt sich bestmöglich vor Ort ein. Dass die Zuwanderungsbehörde sich nun darauf versteift diese Familie (inklusive einem 9-monatigen Säugling) abzuschieben, zeigt wie es um Humanität in der deutschen Migrationspolitik bestellt ist.
Das Herausreißen der Kinder aus Schul- und Vereinskontext macht deutlich worum es sich bei der sogenannten Migrationswende der Bundesregierung handelt. Es geht dabei nicht um das Abwenden angeblicher Gefahren oder die Abschiebung von vermeintlichen Straftäter*innen, die im öffentlichen Diskurs betont und vorgeschoben werden. Stattdessen sind alle Zugewanderten von der sogenannten Migrationswende sowie der verschärften politischen Stimmung betroffen. Dazu zählen auch gut intergierte Familien und Kinder, die vor Ort angekommen sind und fest in den regionalen Strukturen verankert sind.
„Die Fälle stehen symptomatisch für die Absurdität der derzeitigen Migrationspolitik“, so Leonie Melk Geschäftsführerin des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein, „statt Integration und Ankommen zu ermöglichen und die Bemühungen zu würdigen, steht eine hohe Anzahl von Abschiebungen im Vordergrund. Dass dabei Kinder ihrem Umfeld entrissen werden, traumatische Abschiebungen erleben und Humanität und Verhältnismäßigkeit völlig über Bord geworfen werden, scheint für die Behörden kein Problem darzustellen.“
Mitschüler*innen, Lehrer*innen und Freund*innen der Familien hatten letzte Woche Alarm geschlagen. Die Courage AG der Wolfgang-Borchert- Gymnasium organisierte in kürzester Zeit eine Mahnwache und äußert sich schockiert: „Wir sind zutiefst geschockt, was Rabia und ihrer Familie droht. Es darf nicht sein, dass Schüler*innen unserer Schulgemeinschaft sich hier nicht sicher und geschützt fühlen können; im Gegenteil sogar mit der ständigen Angst leben müssen, abgeschoben zu werden. Rabia ist Mitschülerin und Freundin, die sich innerhalb kurzer Zeit am Wolfgang-Borchert-Gymnasium integriert und Deutsch gelernt hat. Rabia ist und bleibt (hoffentlich) ein wichtiger Teil unserer Schulgemeinschaft!!!“
Die Klassenlehrerin und Lehrerinnen der Courage-AG drücken Ihre Haltung ebenso klar aus: „Rabia gehört zu unserer Schule - und wir wünschen uns sehr, dass sie ihre Zukunft weiterhin hier bei uns gestalten kann. Wir freuen uns ausdrücklich über das Engagement unserer Schülerinnen und Schüler aus der AG und der Schulgemeinschaft. Sie zeigen gelebten Zusammenhalt, Verantwortungsbewusstsein und Zivilcourage im Einsatz für ihre Mitschülerin. Uns ist wichtig: Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein geschützter Raum des Miteinanders. Wenn Mitglieder unserer Schulgemeinschaft von existenziellen Sorgen betroffen sind, berührt das uns alle. Wir begleiten unsere Schülerinnen und Schüler pädagogisch und unterstützen sie darin, ihre Anliegen, friedlich und im Rahmen der demokratischen Möglichkeiten zu äußern.“
Die Behörde handelte wiederholt vorschnell. Eine Familie mit Säugling und schulpflichtigen Kinder aus dem sozialen Umfeld zu reißen, ist unverhältnismäßig und widerspricht dem Kindeswohl. Hier werden die hochproblematischen Aspekte der geplanten Zentralisierung von Abschiebungen im Land Schleswig-Holstein deutlich.
Der Fall zeigt einmal mehr, wie realitätsfern und absurd die Gesetzgebung auf Bundesebene ist und welche unverständlichen Entscheidungen der Zuwanderungsbehörden sich daraus ergeben. In der restriktiven und komplizierten Bundesgesetzgebung bestehen deshalb dringende Änderungsbedarfe; statt jedoch vorschnell abzuschieben und Familien ohne Not aus ihrer Umgebung zu reißen, müssen Land und Kommunen ihre verbliebenen Ermessenspielräume nutzen, um Integration und Zusammenhalt zu ermöglichen.
Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein und Unterstützer*innen fordern: Familie Babayiğit muss bleiben!
Pressekontakt: Leonie Melk, 0431 556 853 64, public@frsh.de
