Seit der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021, heute seit 1.666 Tagen, werden Frauen in Afghanistan systematisch entrechtet, aus Bildung und Arbeit gedrängt und aus der Öffentlichkeit verdrängt. Afghanistan ist zu einem Ort staatlich organisierter Ausgrenzung geworden. Dass Afghanistan im Women, Peace and Security Index 2025/26 den letzten Platz belegt, ist kein statistisches Detail, sondern ein Alarmsignal für die extremste Gefährdung von Frauen weltweit. Verschärft wird die Lage aktuell durch den von Pakistan als ‚offenen Krieg‘ bezeichneten Konflikt mit den Taliban, der seit Tagen eskaliert und Frauen und Kinder besonders hart trifft.
Patriarchale Strukturen bestehen überall und sind auch in Deutschland ein anhaltendes Problem, das am 8. März in zahlreichen Formaten sichtbar gemacht wird. In Afghanistan wird die Unterdrückung von Frauen auf die Spitze getrieben. Aktivist*innen, Gegner*innen der Taliban-Herrschaft und demokratische gesinnte Kräfte werden jedoch seit Jahren alleine gelassen und ihr Einsatz von der deutschen Bundesregierung torpediert.
"Wir begehen heute den Internationalen Frauentag – einen Tag, an dem in vielen Ländern der Welt die Leistungen, der Mut und die Opfer von Frauen für ihre Gesellschaften gewürdigt werden. Doch für uns Frauen aus Afghanistan sieht die Realität völlig anders aus. Wir kämpfen noch immer um unsere grundlegendsten Menschenrechte – gegen eine terroristische und extremistische Gruppe, die Frauen systematisch aus Bildung, Arbeit und dem öffentlichen Leben verdrängt. Besonders erschütternd ist, dass die Weltgemeinschaft diesem Unrecht weitgehend tatenlos zusieht. Dieses Schweigen bedeutet, das Leid von Millionen afghanischer Frauen zu ignorieren." erklärt Farangis Sawgand vom Afghanischen Stammtisch Schleswig-Holstein.
Seit zwei Monaten wird die Gewalt- und Kontrollpolitik der Talibanauch im Regelwerken der Taliban-Justiz rechtlich abgesichert: Artikel 34 kriminalisiert Frauen, wenn sie ohne Zustimmung des Ehemanns zu Verwandten gehen und nicht zurückkehren, wenn er es verlangt mit bis zu drei Monate Haft. Gleichzeitig wird Gewalt in der Ehe faktisch legitimiert: Das Regelwerk beschreibt ‚Züchtigung‘ als hinnehmbar und setzt die Hürden für strafrechtliche Folgen so, dass Gewalt gegen Frauen im Alltag ohne Konsequenzen bleibt.
Bereits 2024 machte das „Tugend- und Laster“-Regime der Taliban die Verdrängung von Frauen aus der Öffentlichkeit noch rigider; mit Verhüllungszwang, Verhaltenskontrollen und einem faktischen Schweigegebot bis hin zu Verboten, in der Öffentlichkeit zu sprechen, zu singen oder vorzulesen.
„Am Internationalen Frauentag geht es um Solidarität, die nicht an Grenzen endet. Was in Afghanistan passiert, gleicht einer Dystopie, wie man sie aus Horrorfilmen kennt und trotzdem ist es Realität. Während Frauen dort Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden, spricht die Bundesregierung über Rückführungen und lässt dafür Taliban-Vertreter einreisen.“ so Rosa Mare vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein.
Die Verfolgung afghanischer Frauen ist juristisch bereits anerkannt: Der Europäische Gerichtshof stellte am 4. Oktober 2024 klar, dass die Gesamtheit der diskriminierenden Maßnahmen gegen afghanische Frauen unter Taliban-Herrschaft als Verfolgung im Sinne des EU-Asylrechts gewertet werden kann. Der Internationale Strafgerichtshof erließ am 8. Juli 2025 Haftbefehle gegen Staatsoberhaupt Haibatullah Akhundzada und den obersten Richter Abdul Hakim Haqqani wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit, u. a. durch geschlechtsbezogene Verfolgung.
Trotzdem hat die Bundesregierung Taliban-Vertreter akkreditiert und ihnen damit diplomatische Handlungsfähigkeit verschafft. Spätestens mit dieser Akkreditierung im Oktober 2025 überließ sie den Taliban auch das Generalkonsulat in Bonn – einen zentralen IT-Knotenpunkt – und damit faktisch alle afghanischen Vertretungen in Deutschland. Für Betroffene ist das mit großer Sorge und Angst verbunden: Die Taliban bekamen so Zugang zu tausenden sensiblen Daten von Schutzsuchenden, mit potenziell gefährlichen Folgen für sie und ihre Familien in Afghanistan.
Deutschlands Verantwortung – Zusagen umsetzen, Schutz gewährleisten
Deutschland hat nach 2021 Schutz zugesagt und Aufnahmewege geschaffen. Dennoch wurden Aufnahmezusagen teils widerrufen oder über Jahre nicht umgesetzt. Am 13. August 2025 wurden erstmals Afghan*innen trotz rechtskräftiger deutscher Aufnahmezusage aus Pakistan nach Afghanistan abgeschoben. Seitdem ist selbst diese Zusage kein Schutz mehr, auch für besonders gefährdete Gruppen. Besonders zynisch ist, dass Schutzsuchenden Geld- und Sachleistungen Seitens der angeboten wurden, wenn sie auf ihre Aufnahmezusage verzichten und in Afghanistan bleiben.
„Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Frauen wird Geld angeboten, damit sie in einem Land bleiben oder dorthin zurückkehren, in dem sie systematisch entrechtet und aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden. Das ist ein politisches und menschliches Totalversagen." so Rosa Mare vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein.
"Wir, die Frauen aus Afghanistan, verurteilen dieses historische Unrecht entschieden. Wir werden es weder vergessen noch schweigend hinnehmen. Unsere Stimmen werden nicht verstummen", stellt Farangis Sawgand klar.
Wir fordern:
· Die vollständige Umsetzung aller Aufnahmezusagen ohne Widerrufe, zusätzliche Hürden oder faktische Verzögerungen, sofortige Evakuierung von Frauen und Mädchen mit bestehender Aufnahmezusage, einschließlich ihrer Kinder und engsten Angehörigen.
· Die tatsächliche Öffnung humanitärer Schutzwege besonders für gefährdete Frauen durch transparente und zügige Verfahren ohne zusätzliche Hürden.
· Der Verzicht auf Verhandlungen mit den Taliban über Rückführungen oder Abschiebekooperationen, da jede solche Annäherung ein Regime normalisiert, das Frauenrechte systematisch abschafft.
· Eine deutliche Beschleunigung des Familiennachzugs, damit Frauen und Kinder nicht über Jahre getrennt bleiben und dadurch zusätzlich gefährdet werden.
· Keine Abschiebungen nach Afghanistan, jede Abschiebung wertet die Taliban-Herrschaft politisch auf. Auch Männer leiden unter dem Regime der Taliban. Wer Frauen unterstützt oder öffentlich Solidarität zeigt, riskiert Verfolgung, Verschleppung oder Gewalt. Menschenrechte werden in Afghanistan weder für Frauen noch für Männer gewährleistet.
· Die Beendigung von Rückkehrdruck nach Afghanistan, da das Land unter den Taliban nicht sicher ist. Solange grundlegende Menschenrechte nicht gewährleistet sind, darf es weder direkte Abschiebungen noch politischen oder administrativen Druck zur Rückkehr geben („Afghanistan is not safe“)
Um auf die dramatische Situation in Afghanistan aufmerksam zu machen, laden der Afghanische Stammtisch und der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum Internationalen Frauentag (8. März) zu zwei kostenlosen Terminen ein. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die seit 1.666 Tagen unter Gender-Apartheid leben. Am 06.03.2026 von 16:00 bis 19:30 Uhr findet die Präsenzveranstaltung „Widerstand trotz 1666 Tagen Genderapartheid: Afghanistan zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ in der Alten Mu statt (ohne Anmeldung). Am 10.03.2026 um 18:00 Uhr folgt online „1666 Tage Genderapartheid in Afghanistan und Deutschlands Haltung und Handeln“. Weitere Informationen stehen auf unserer Website.
Kontakt: Rosa Mare, Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein, sh-ahoi@frsh.de, 0431 556 813 55
